Kapitel 92

In diesem Moment bog kein Geringerer als Doktor Hubert Halluschinski, der Betriebsdirektor, um die Ecke. Niemand außer vielleicht seiner Gattin wusste, was der Mann um diese Zeit hier schon zu suchen hatte. Halluschinski, den alle Schlawinski nannten, war ein unaufälliger fünfzigjähriger kleinwüchsiger Halbglatzkopf mit Brille, einem leicht verblüfft wirkenden Gesichtsausdruck und feuchter Aussprache, der meistens karierte Hemden trug und zu dessen Lieblingsscherzen die Behauptung gehörte, in keinem der Betriebe, in denen er zuvor gearbeitet hatte, sei so wenig gesoffen worden wie hier. Diese Aussage von Halluschinski zu hören verwandelte Schönbachs Mund in ein Lächeln, denn Halluschinski war ein trockener Alkoholiker, der seinen Dozentenplatz an der Universität von Berlin verloren hatte, als rauskam, dass er im Vollsuff eine seiner Studentinen geschwängert hatte. Von ihm hiess es aber auch, er habe den einzelhandelsüblichen Kartoffelsack erfunden, jenes dubiose Netz, an dem sich der Knabe Johannes Schönbach, wenn seine Mama ihn einkaufen schickte, jahrelang die Fingerchen abgeschnürt hatte, bis er endlichauf den Dreh gekommen war, eine der Kartoffeln beim Tragen in die Hand zu nehmen.

Kapitel 1311

Schönbach karrte das Lebenselixier des Sozialismus durch die Hallen, den Trank, der Genossen und Nicht-Genossen halbwegs bei Laune hielt: Schnaps, Schnaps und nochmals Schnaps; natürlich auch Wein und Sekt, aber insbesondere hochprozentige Sofortglücksverheißungen mit Namen wie Goldkrone, Burgkrone, Nordhäuser Doppelkorn, Lunikoff, Timm’s Saurer, Zinnaer Klosterbruder, Boonekamp, Wurzelpeter, Halb und Halb, Campa, Havanna Club, Sambalita, Goldbrand oder Klarer Juwel. Die Bevölkerung, die von hier aus versorgt wurde, war zwar eine anspruchslos, was die Qualität anging, aber eine des narkotischen Trostes permanent bedürftige - vornehmlich aus den erwähnten Gründen der Horizonteinschränkung. “Eens musste wissen”, hatte ein älterer Disponent zu Schönbach gesagt, als er hier noch neu war, “der Laden ist kriegswichtig. Der Fusel muss unters Volk. Versorgungsengpässe bei Alkohol darf et nich jeben, det schafft revolutionäre Situationen.”

Staatswichtig hin oder her: Wer hier arbeitete, hatte in der Regel keine Ausbildung. Anders formuliert: Dieser Ort besaß für Leute mit einer Ausbildung nur eine geringe Attraktivität. Manche indes, die Creme sozusagen, führte den Titel Facharbeiter für Lagerwirtschaft und Warenbewegung; das war der reguläre Ausbildungsberuf, den insbesondere Personen erlernten, bei denen schon in frühen Jahren Probleme im Zusammenhang mit den Grundrechenarten und dem sinnvollen Gebrauch des Alphabets beziehungsweise Abnormalitäten des Sozialverhaltens aufgetreten waren, womit sich aufs Glücklichste vertrug, dass die Komplexität der Lagerwirtschaft sich in vermittelbaren Grenzen hielt: Auf der einen Seite kam der Fusel sortenrein an, auf der anderen verließ er das Lager in jener Position, die Geschäfte, Kaufhallen oder Gaststätten geordert hatten. Zwischendurch wurde er von jenem Teil der Belegschaft, der es mit der Tätigkeit des Bedarfs ernst nahm, nach Kräften dezimiert. Zu lernen war lediglich, wie man dabei den Hyänen der Betriebswache, die jederzeit unverhofft zwischen Palettenstapeln hervorschießen und einem das Pusteröhrchen unter die Nase halten konnte, aus dem Wege ging. Gewiss, für manche bedeutete die Gabelstaplerprüfung  eine ähnlich hohe Hürde wie für andere die Promotion, namentlich der sogenannte theoretische Teil, obwohl man den Probanden mit den Prüfungsfragen sehr entgegenkam (Mit welchem Öl wird die Hydraulikanlage des Staplers betrieben: a) Rapsöl; b) Leinöl; c) Hydrauliköl?). Letzlich übersprang sie aber jeder.

Ein Jahr Gedankenmanifestieren

Seit nunmehr einem Jahr schreibe ich alles was mir passiert, meine Gedanken und vieles Weiteres auf diesen Blog. Es ist einTeil meines Lebens geworden und auch eine Art der Verarbeitung verschiedener Hochs und Tiefs. Außerdem verbindet es mich mit den Menschen, die diese Leidenschaft teilen.

Doch es ist nicht nur bei einem simplen Blog geblieben, mittlerweile ist daraus sehr viel entstanden. Ich habe an einem Buch mitgeschrieben und schreibe derzeit mein Eigenes. Aber das Beste was wohl aus diesem dokumentieren meines Lebens entstanden ist, ist der Blogzirkel. Anders hätte ich die Leute wohl kaum kennengelernt und wir hätten diese lustige Gruppe, mit der wir noch viel vorhaben, nicht gegründet.

An Veränderungen hat es sich doch in Grenzen gehalten. Das Ding hier heisst jetzt 49th Blog und ich Johannes Schönbach. Das Design wurde stark geändert und ich benutze jetzt Wordpress, um mich der Welt mitzuteilen. Das was ich Schreibe ist teils immernoch so abwägig, dass die Leute mich anrufen und fragen, was zum Teufel das denn sein soll.

Die schönsten Momente sind nach wie vor die, in denen Menschen auf mich zukommen, etwas zu meinem Blog sagen, Kritik oder sogar Lob äußern oder ich versuche anderen Menschen zu helfen, indem ich irgendwas hier hin schreibe, was dann keiner außer der entsprechenden Person versteht. Doch das Schreiben an sich hat in den letzten 12 Monaten immer mehr an Bedeutung in meinem Leben gewonnen.

Ich freue mich, dass das Projekt "Chrissi erzählt euch was er so macht" derart gut ankommt und richtig aufgeblüht ist. Viele Dank auch an euch, natürlich fürs Lesen und Unterstützen meines virtuellen Tagebuchs.

Bleibt mir nur noch eins zu sagen: Happy Birthday!

Kapitel 3,1415

>>Jetzt hör doch auf mich so anzuschreien, dazu gibt es doch keine Grund! Wir sind erwachsene Menschen und sollten uns auch so verhalten.<<,
 sagte Schönbach mit einer Stimme, die beruhigend wirken sollte. Seine Interessen wurden von Steffi leider nicht wahrgenommen.

>>Was soll der verdammt Scheiss? Was bin ich eigentlich für dich?<<, fuhr sie ihn an.

>>Du bist Alles für mich. Glaub mir doch, das da bedeutet mir gar nichts. Das einzige was mir im Leben etwas bedeutet ist weder mein Geld, noch der Erfolg, noch das 200m² Penthouse von dem wir jeden Abend Berlin im Sonnenuntergang bewunden, sondern nur du!<<

>>Penthouse, da sind wir ja beim richtigen Thema. Ich und deine Pornosammlung!<<

>>Verdammt nein!<<, schrie Schönbach sie an, der seine Bitte, sich vernünftig zu unterhalten, schon wieder verworfen hatte, >>Schmeiss sie weg! Verbrenn sie! Tu damit was immer du willst! Aber bitte lass uns das Ganze vergessen!<<

>>Weisst du was Johannes,<<, sagte Steffi mit einer überraschend ruhigen Stimme, die ein Gefühl des Unwohlseins in dem Pornozeitschriftenbesitzer hervorrief, >>ich ziehe fürs erste zu meiner Mutter, damit du und deine widerlichen Heftchen erstmal alleine sein könnt.<<

Sie drehte sich um, nahm ihre Jacke im Vorbeigehen von der Gaderobe, öffnete die Tür und verließ die Wohnung mit einem nicht minder geknickt als der Zurückgelassene.

Schönbach stand eine Weile da und starrte die Tür an. Er hoffte, dass sie sich wieder öffnen und Steffi ihre Meinung ändern würde. Doch als er die Wagentür ihres Autos zuschlagen hörte sackte er in sich zusammen und fiel in Sessel zurück, aus dem er aufgestanden war, als Steffi mit seiner Sammlung vor ihm stand. In diesem Moment begriff Schönbach, dass die falsche Frau, auch wenn sie nur aus Papier ist, einem das Leben zerstören kann.

Jahresrückblick 2007

Das Jahr 2007 begann am 1. Januar, dümpelte 12 Monate vor sich hin und endet - wer hätte es erwartet - heute, am 31. Dezember. Gott, bin ich froh.

Das Jahr hatte seine guten aber auch seine schlechten Seiten. Noch länger im Rettungsdienst bleiben, den Blogzirkel kennen lernen, wieder mehr mit Miri machen, auch Stephan und Padi nicht zu vergessen und all die anderen netten Dinge, die mir ab un zu ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Aber wenn ich zurückdenke fallen mir nur die Schlechten ein. Sich wieder mit jemandem anfreunden und wieder verarscht werden, naive Menschen kennen lernen, wieder einmal feststellen, dass man niemandem vertrauen kann, sich 6 Monate den Arsch für nichts aufreißen. Super, hat Spass gemacht. Danke an alle Statisten, die dieses Jahr so für mich gestaltet haben.

Leider bin ich aber auch selber so naiv, dass ich der Meinung bin, nur weil das eine Jahr zu Ende ist und ein Neues anfäng, dass dann gleich alles anders wird. Nicht besser sondern lediglich anders. Schwachsinn. Es geht da weiter wo es aufgehört hat. Das hat schon Quentin Tarantino und der hat immer Recht.

Wer einen umfangreicheren Jahresrückblick will, soll hier anfangen zu lesen, das dürfte an Informationen genug sein.

Ansonsten guten Rutsch, ihr Loser Kinder!