Mein Leben
Wir schreiben das Jahr 1985. Es ist eine dunkle und stürmische Novembernacht in Goßfelden bei Marburg. Die ganze Stadt träumt friedlich vor sich her, bis auf eine Person, die unsanft aus dem Schlaf gerissen wird. Es ist meine schwangere Mutter, die bemerkt hat, dass sie gleich ein Kind auf die Welt bringen wird. Hektisch sucht sie nach dem Lichtschalter, findet ihn und lässt das Zimmer im matten Schein der Energiesparbirne erleuchten. Sie weckt den Mann neben ihr, meinen Vater. Beide haben diese Situation schon einmal erlebt und wissen genau was sie zu tun haben. Um keine Zeit zu verlieren hatte mein Vater vor, einen Koffer zu packen, den er nur noch mitnehmen musste, aber die Erfahrung lies ihn dies auf die nächste Woche verschieben.
Als sie vor drei Jahren, bereits Wochen vor dem vom Arzt berechneten Geburtstermin alles geplant und durchdacht hatten wurde ihre Vorsorglichkeit erst viele Tage nach dem ersehnten Termin belohnt. Meine Schwester nahm sich viel Zeit.
Diesesmal war alles anders. Um jetzt noch den Koffer zu packen blieb keine Zeit mehr, sie mussten los. Angezogen und bereit zur Abfahrt liefen sie hastig die Treppe zum Auto hinunter. Es war ein Opel Kadett, der seine besten Jahre bereits hinter sich hatte und recht wenig Platz für eine schwangere Frau bot, obwohl der Beifahrersitz bereits in die hinterste Position geschoben wurde. Ohne Koffer und mit wenig Platz machten sie sich auf in die Diakonieklinik Wehrda.
Der starke Regen erschwerte die Sicht in der Dunkelheit und die Scheibenwischer hatten ihren Meister in ihm gefunden. In letzter Minute erreichten meine Eltern die Eingangstüren des Krankenhauses, doch sie mussten noch bis zum Kreissaal. Aber auch dies war für die Zwei kein Problem, zu viel hatten sie in dieser Nacht bereits bewältigt.
Und dann war es soweit: Der 12 November 1985. Ein Kind wird nach fast 9 Monaten aus seiner gewohnten Umgebung, der Wärme und dem beruhigendem Geräusch des fortwährenden Schlag des mütterlichen Herzens in die Kälte, ans Licht und in einen akkustischen Holocaust, der sich aus piependen Maschinen und hektischen menschlichen Stimmen zusammensetz gerissen. Kein Wunder, dass ich geschrien hab. Obwohl dies die erste große Trennung war, die cih je erlebt hatte, war dies der bedeutenste Tag meines Lebens, denn mein Leben begann.
Die weiteren Jahre habe ich mich ganz gut angestellt. Nach einem Jahr Probewohnen in Goßfelden durfte ich endlich raus aus der, für 2 Kinder zu kleinen Wohnung, in ein größeres, komplettes Haus in Schreufa, einem Ortsteil von Frankenberg an der Eder. Die Aufteilung war einfach. Erdgeschoss: Großeltern (mütterlicher Seits) und oben drüber: Meine Eltern, meine Schwester und ich.
Bis zu meinem 6ten Lebensjahr vertrieb ich mir die Zeit mit spielen, schlafen, essen, ab und zu mal Urlaub und Kindergarten.
Dann wurde ich eingeschult. Meine Eltern, die damals noch den Großteil aller Entscheidungen mich betreffend übernahmen, hielten es für das beste mich in die Wiegand - Gerstenberg - Schule in Frankeberg zu schicken. Gute Wahl, denn dort kannte ich bereits viele Leute, ob aus dem Kindergarten oder, weil es die Kinder von Freunden meiner Eltern waren, mit denen ich auch privat öfters was zu tun hatte. Ohne große Schwierigkeiten konnte ich die Grundeschule erfolgreich hinter mich bringen. Mit einem ganz passablem Schnitt von 1,7 erlebte ich nach Geburt und Verlassen des Kindergartens die 3te große Trennung in meinem Leben und war bereit für die weiterführende Schule, ein Gymnasium, die Edertalschule Frankenberg.
Das war der Anfang einer steil bergab laufenden Karriere. Zwar meisterte ich die ersten vier Klassen ganz gut, aber ab der 9ten Jahrgangsstufe setzte ein Gleitflug ein. Wie bei einem Flugzeug, bei dem alle Triebwerke ausgefallen sind. Es kann zwar noch etwas navigieren, doch nach oben kommt es nicht mehr, es kann nur noch zu Boden gehen. Bei mir setze die Landung am Ende der 11ten Klasse ein, wobei es wohl eher eine Bruchlandung mit vielen Verletzten war. Ich musste die Klasse wiederholen. Mit weing Elan und einer noch schlechteren Einstellung zur Schule trat ich die zweite Runde an. Es war nicht die Intelligenz, sondern eher die Faulheit und meine nicht vorhandenen Bemühungen sollten mit einem Schulverweis belohnt werden. Die 4te Trennung.
Mir blieb nichts Anderes übrig als mich an einem Fachabitur zu versuchen, denn mit meinem Abschlusszeugnis der 10ten Klasse hätte ich nicht mal Statist bei Richterin Barbara Salesch werden können. Die Beruflichen Schulen in Kirchhain - Fachoberschule, Bereich Informationstechnik sollten für die nächsten 2 Jahre meine Schule sein. Zwar hatte meine Klassenlehrerin der 1ten Klasse “Christopher ist sehr kontaktfreudig” geschrieben, doch dies muss wohl eine Eigentschaft gewesen sein, die ich im Laufe der Jahre verloren hatte. So fiel mir der Einstieg sehr schwer und richtig Spass machte die Schule auch erst im ersten Drittel der 12ten Klasse. Durch mein Wissen, dass ich auf der Edertalschule gesammelt hatte war der Unterricht nicht schwer für mich, im Prinzip fiel mir alles leicht und ich konnte die Schule erfolgreich mit einem Schnitt von 1,6 beenden. Ich war nun an meiner 5ten Trennung angekommen, doch diese konnte ich leichter nehmen als die anderen, denn nun begann für mich der Ernst des Lebens.
Schule vorbei, 14 Jahre schlussendlich doch noch erfolgreich beendet. Freizeit. Doch diese Freizeit sollte nicht lange andauern. Das Kreiswehrersatzamt Kassel hatte auch noch was für mich zu tun. Bundeswehr. Mir erschien es aber besser zu Verweigern und 9 Monate lang Zivildienst zu machen. Mein Antrag wurde bewilligt und die Suche nach einer Stelle begann. Schlussendlich landete ich beim Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Fankenberg im Bereich Rettungsdienst. Zwar musste ich dafür einiges in Kauf nehmen, FSJ statt Zivildienst, also 12 Monate und noch 2 Monate extra für die Ausbildung, aber es hat sich gelohnt. Ja, ich bin ein Monster, weil ich einen Job gefunden hab, der zu mir passt und der mir Spass macht, doch leider wird diese Zeit im nächsten September zu Ende gehen und ich einen weiteren Schritt in meinem Leben wagen müssen. Die nächste Trennung kommt…
